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Themen vor Ort

Die Arbeitsgruppe Wohnen sitzt im Halbkreis vor der Pinnwand. An der Pinnwand steht die Moderatorin und zeigt auf die beschriebene Moderationskarten an der Pinnwand.

Am 28.01.2019 machten die Pflegedialoge das erste Mal Station in einer der drei sächsischen kreisfreien Städte. In den Räumen der VDI Garage versammelten sich 50 interessierte und engagierte  Vertreter aus Pflegepraxis, Trägerorganisationen, Kassenwesen und Politik um gemeinsam über die Pflege in der Stadt Leipzig zu sprechen. Zunächst wurden die Teilnehmenden von Gesundheitsministerin Barbara Klepsch begrüßt. Frau Klepsch betonte die Rolle der Pflege als eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der Zukunft. Man müsse zusammenkommen und gemeinsam ins Gespräch eintreten, um Bedarfe zu erkennen und den kommenden Herausforderungen in der pflegerischen Versorgung frühzeitig zu begegnen. Die Pflegedialoge böten hierfür eine Plattform, welche sich angesichts der spannenden und konstruktiven Diskussionen auf den vergangen Dialogausgaben bereits mehrfach bewährt habe. Auch würden die Pflegedialoge als Begegnungsstätte den wichtigen Aspekt regionaler Vernetzung aktiv vorantreiben, indem sie Akteure aus den Regionen zusammenbringen, die sich in ihrem Arbeitsalltag sonst nicht oder nur selten begegneten. Ihren expliziten Dank sprach Frau Klepsch den Pflegekräften aus. Die Sorgen und Nöte der Pflegebedürftigen kämen immer zuerst bei ihnen an. Der professionelle Umgang und die Linderung dieser Sorgen und Nöte sei nicht hoch genug einzuschätzen. Zuletzt verwies die Gesundheitsministerin noch auf den kürzlich veröffentlichten Bericht der Enquete-Kommission „„Sicherstellung der Versorgung und Weiterentwicklung der Qualität in der Pflege älterer Menschen im Freistaat Sachsen“ des sächsischen Landtages  und lobte ausdrücklich die Arbeit der Kommission. Der Bericht böte viele Handlungsansätze, neue Perspektiven und Antworten auf die zukünftigen Herausforderungen im sächsischen Pflegewesen.

Hier können Sie sich den Bericht der Enquete-Kommission herunterladen.

Nach der Begrüßung hörten die Teilnehmenden einen Vortrag über die Arbeit des Vereins „selbstbestimmt leben e.V.“ von Frau Angelika Hoffmann, Leiterin des vom Verein betriebenen Beratungszentrum Demenz. Frau Hoffmann gab einen lebendigen Eindruck von den vielfältigen Angeboten des Vereins, der seit mehr als zehn Jahren Betroffene und Angehörige, aber auch Fachkräfte und Ehrenamtliche, zum Thema Demenz berät. Neben der Beratung bietet der Verein außerdem stundenweise Betreuung von Patienten zur Entlastung der Angehörigen an sowie Schulungen im Umgang mit Demenzkranken für alle Interessierten. Die Schulungen würden seit 2013 bewusst gemeinsam für pflegende Angehörige und Ehrenamtliche angeboten, um bereits im Rahmen der Kurse eine Vertrauensbasis aufzubauen. Auch Selbsthilfegruppen für Betroffene und deren Familien gehören zum Angebot des Vereins, genauso wie innovative Projektarbeit. So erzählte Frau Hoffmann von einem Projekt, bei dem eine Opernsängerin gemeinsam mit Demenzpatienten musiziere. Die Freude an der Musik und die Erinnerung an Liedertexte, die bei den Erkrankten zutage trete, beschrieb Frau Hoffmann als außerordentlich inspirierendes Beispiel für die Arbeit mit Betroffenen. 

Hier geht es zur Website des Vereins "selbstbestimmt leben e.V."

Nach dem Vortrag von Frau Hoffmann teilten sich die Anwesenden in fünf thematisch gegliederte Arbeitsgruppen auf, um dort im kleinen Kreise über die Situation in der Stadt Leipzig zu diskutieren. Im Folgenden finden Sie einen Überblick über die besprochenen Inhalte und erörterten Handlungsempfehlungen der jeweiligen Arbeitsgruppen.

 

Soziales Miteinander und Vernetzung

 - kommunale Strategieentwicklung und flächendeckende Bedarfserhebung -

In Bezug auf bestehende Angebote zur Pflegeberatung stellte die Gruppe fest, dass es in der Stadt Leipzig schon diverse aktive Zusammenschlüsse und Interessensvertretungen gäbe. Beispielhaft wurden hier der Seniorenbeirat und verschiedene Seniorenvereine genannt. Außerdem verfüge die Stadt über eine gute Pflegeberatung, die sowohl durch die Kommune als auch durch die Krankenkassen angeboten werde. Allerdings gebe es hier noch Verbesserungspotenzial. Die Pflege- und die Demenzdatenbank wurden als leicht verfügbare digitale Informationsangebote für lokale Pflegedienstleister gelobt. Außerdem fungierten die ehrenamtlichen Alltagsbegleiter als wichtige Entlastung für die professionelle Pflegepraxis. Allerdings gebe es auch Handlungsbedarf in einigen Bereichen: So bestünde keine Transparenz zwischen Angeboten und Bedarf für die Unterbringung außerhalb der Tagespflege. Generell wurde bemängelt, dass aktuell keine grundsätzliche Bedarfserhebung in der Pflege betrieben werde. Es müsse geklärt werden, wer diese durchführt, wie sie umgesetzt wird und wie man das gewonnene Wissen nutzt. Bei der Bedarfserhebung seien außerdem die pflegenden Angehörigen unbedingt mit einzubinden. Ein weiterer kritischer Punkt sei die Fokussierung des Themas Pflege auf die Zielgruppe der Senioren. Pflege sei in allen Altersstufen relevant. In Bezug auf die zuvor gelobten ehrenamtlichen Strukturen wurden die Rahmenbedingungen für die Ehrenamtler in Frage gestellt: So müsse die Versicherung der Tätigkeit als Nachbarschaftshelfer von den Versicherten selbst getragen werden, was das Amt wenig attraktiv mache. Dadurch werde es schwerer neue Nachbarschaftshelfer zu finden. Es brauche ein „Leipziger Modell“ zum ehrenamtlichen Engagement in der Pflege, in welchem die Attraktivität der Tätigkeit sichergestellt und die Rahmenbedingungen angepasst auf die Bedürfnisse in der Stadt festgelegt seien.  Des Weiteren forderten die Teilnehmenden der Arbeitsgruppe eine stärkere Fokussierung der Kommunalpolitik auf das Thema Pflege. Es müsse eine einheitliche Strategie – ein „Fahrplan Pflege“ – für Leipzig erstellt werden. Außerdem wurde das Modell der vernetzten Pflegeberatung diskutiert. Einigen der Teilnehmenden war die Bedeutung des Konzeptes nicht klar und die Forderung nach einheitlichen Ansprechpersonen oder Anlaufstellen im Sinne von Pflegestützpunkten wurde geäußert. Dem entgegen stand der Vorschlag, die Pflegekoordinatoren als ebenjene Ansprechperson stärker zu bewerben bzw. ins Bewusstsein der Leute zu rücken, damit sie wissen, an wen sie sich wenden können. Als zentrale Aufgabe der vernetzten Pflegeberatung wurde das Zusammenbringen aller relevanten Akteure in der Region benannt. Diese müsse durch die Pflegekoordination oder ein alternatives Konzept vorangetrieben werden.

Neben der Diskussion über Funktionalität des Konzeptes der vernetzten Pflegeberatung sprach die Arbeitsgruppe darüber, wie man vorhandene Angebote und Dienstleistungen sichtbar machen könne. Hierfür brauche es eine kleinteilige Datenbank mit Angeboten und freien Plätzen – bestmöglich sollten hier einheitliche Definitionen in der Beschreibung von Angeboten gemacht werden. Dies sei aktuell nicht der Fall und führe zu weiterer Intransparenz, da Anbieter und Hilfesuchende kein einheitliches Verständnis von der Beschreibung der Angebote haben. Die Pflegeberatung der Kassen solle außerdem am besten in physischen Außenstellen erfolgen.

In Bezug auf die besprochenen Defizite in der Pflegeberatung äußerten die Teilnehmenden folgende konkreten Ideen zur Verbesserung:

  • Wichtig sei vor allem eine trägerunabhängige Erstberatung!
  • Frage: Wer kann diese umsetzen? Antwort: In der vernetzen Pflegeberatung müssen viele Träger / Institutionen den Erstkontakt umsetzen können und auf die Erstberatung verweisen können! Idee: Pflegelotsen
  • Erstkontakte mit pflegenden Angehörigen: Soziale Dienste (Krankenhäuser, Reha), Seniorenbüros, Seniorenbeauftragte, Pflegekassen vor Ort, Bürgerbüros, Träger von Sozialleistungen, Pflegelotsen in Unternehmen, Vereine, VHS, Ärzte (insb. Empfang) à Diese Stellen müssen wissen, wo eine Erstberatung möglich ist! Hierfür braucht es eine einheitliche und aktuelle Datenbank! Diese Datenbank soll auch online Bürgern zur Verfügung stehen à Hier braucht es einen Praxischeck (Test mit Bürgern, ob verständlich und Definitionen klar)
  • Erstberatung: Verweis auf bestehende Angebote – muss im Quartier stattfinden & muss trägerneutral umgesetzt werden! Hierfür werden Standards für die Erstberatung erarbeitet, die trägerübergreifend gültig sind. Diese sollen durch die AG „Bedarfsanalyse“ in Kombination mit einer Bedarfserhebung (notwendiger erster Schritt) definiert werden.

Außerdem wurde darüber gesprochen, wie eine konkrete Bedarfserhebung im Bereich Pflege aussehen könnte:

  • Kommunale Bürgerbefragungen:
  • Zufriedenheit mit aktuellen Angeboten
    • Beratungsanforderungen
    • Wünsche und Erwartungen an Pflege
    • Befragung muss machbar sein! à Kurz und aktivierend
    • Bestmöglich würde eine Befragung sachsenweit umgesetzt!
  • Ergänzendes qualitatives Erhebungsdesign, um vertieftes Wissen aufzugreifen. Hierbei könnte an die präventiven Hausbesuche angedockt werden – Herausforderung: Diese starten erst bei Bürgern ab 75 Jahren.
  • Generell: Datenschutz beachten und Kompetenz in der Pflege den Kommunen zuschreiben

 

Wohnen

- neben seniorengerechten auch behindertengerechten (Aus)Bau berücksichtigen - 

In der Arbeitsgruppe „Wohnen“ wurde zunächst über alternative Wohnformen und die Bedürfnisse junge Menschen mit Behinderung gesprochen. Diese wollten oft nicht stationär untergebracht werden, es herrsche allerdings ein Mangel an passenden Wohnangeboten. Entsprechend müssten beim (Um-)Bau neuen, barrierefreien Wohnraums nicht nur die Bedürfnisse alter Menschen, sondern auch jene behinderter Menschen berücksichtigt werden. Momentan sei die Situation so, dass das geringe Angebot an bedarfsgerechtem Wohnraum dazu führe, dass Menschen mit Behinderung nicht frei seien in der Wahl ihres Wohnungsumfelds. Wichtig sei bei der Erweiterung von Wohnraum für behinderte Menschen eine Konzentration und dadurch bedingte Isolierung zu vermeiden. Die Wohnraumangebote müssten breit gestreut werden um eine Durchmischung im Quartier zu erreichen. Zusätzliche brauche es Hilfs- und Unterstützungspersonal („soziale Kümmerer“), welche die Förderlandschaft kennen. Darüber hinaus müsse man bei der Errichtung oder dem Umbau der Wohnungen die Lage beachten, um weite Wege zu Versorgungseinrichtungen zu vermeiden. Es brauche also ein öffentliches Bewusstsein für die Anliegen der Betroffenen. Für die Schaffung dieses Bewusstseins könne man beispielsweise Behindertenverbände und deren Öffentlichkeitsarbeit nutzen sowie Tage der offenen Tür in Einrichtungen. Darüber hinaus könne man im Zuge der Kommunalwahl Vertreter der Fraktionen in die Einrichtungen einladen, um auch in der Politik eine Sensibilisierung zu erreichen. Im Laufe der Diskussion wurde außerdem auf eine Ausstellung zum barrierefreien Wohnen hingewiesen, die es momentan im technischen Rathaus gebe. Dort könne man sich gut über Angebote und innovative Ansätze informieren. Des Weiteren wurde auf die gute Arbeit des Arbeitskreises „Integriertes Wohnen“ im Stadtteil Connewitz verwiesen.

Hier sehen Sie noch einmal die konkreten Diskussionsschwerpunkte der Arbeitsgruppe aufgelistet:

  • Fraktionen im Zuge der Kommunalwahl in die Einrichtungen einladen, Anliegen vorbringe
  • Wahlprogramme auf Pflegefreundlichkeit/Behindertenfreundlichkeit prüfe
  • Behindertenverband einbinden und Seniorenbeirat
  • Die Betroffenen Teilnehmenden der Gruppe und ihre Angehörigen merkten an, dass neben der Pflege wenig Ressourcen übrigblieben, um sich zu engagieren. Ein stärkerer Austausch mit den öffentlichen Fürsprechern und Lobbyverbänden und deren Unterstützung sei aber im Rahmen der Möglichkeiten.
  • Die Erstellung von Datenbanken und Handlungsleitfäden sowie die Beschäftigung sozialer Kümmerer sei in der Verantwortung der Verbände, da innerhalb der städtischen Verwaltungsstrukturen keine Mittel dafür vorhanden seien.

 

Gesundheitliche Infrastruktur

 - Pflegepersonal gewinnen und Kurzzeitpflege nutzbar machen -

In dieser Arbeitsgruppe wurde insbesondere über die Situation des Pflegepersonals und das Thema Kurzzeitpflege gesprochen. So sei ein Problem bei der Gewinnung von Pflegefachkräften die extrem unterschiedliche Bezahlung. Auf der anderen Seite hätten Bewerber oft sehr hohe Ansprüche – die Bereitschaft für das leisten von Wochenenddiensten sei beispielsweise sehr gering. Außerdem genieße der Pflegeberuf gesellschaftlich generell einen zu schlechten Ruf, sodass er für junge Leute wenig attraktiv wirke und man Schwierigkeiten habe, neues Personal zu gewinnen. Dies wiederum führe zu einer dünnen Personaldecke und einer entsprechend hohen Belastung der vorhandenen Pflegekräfte.

Grundsätzlich waren sich die Teilnehmenden einig, dass Kurzzeitpflege einen wichtigen Beitrag dazu leisten könnte, pflegende Angehörige zu entlasten und pflegerische Bedarfe flexibel zu decken. Allerdings müssten einige bürokratischen Hürden abgebaut sowie eine effektive Koordination von Kurzzeitpflegeplätzen etabliert werden, um das Konzept optimal nutzen zu können. So wurde eine Überregulierung bei der Aufnahme und Abrechnung von Kurzzeitpflegepatienten kritisiert, wodurch die Kurzzeitpflege einen sehr statischen Charakter erhalte. Es brauche aber im Gegenteil mehr Flexibilität bei der Nutzung von Kurzzeitpflege. Da die Fixkosten sehr hoch seien, gebe es meist große Planungsunsicherheiten bei den Anbietern, was dazu führe, dass im Zweifelsfall weniger Kurzzeitpflegeplätze angeboten würden. Um vorhandene Angebote für Kurzzeitpflege sichtbar zu machen, wäre es wichtig eine entsprechende Beratung in den Sozialstationen aufzubauen. Darüber hinaus bräcuhte es eine schnellere und effektive Koordination des Bedarfs und der freien Plätze, damit Synergien geschaffen werden können und keine freien Betten ungenutzt bleiben.

Für eine Verbesserung der Personalsituation äußerte die Gruppe folgende konkrete Handlungsempfehlungen:

  • Gute Weiterbildungsmöglichkeiten seien ein wichtiger Bewerberanreiz
  • Es brauche eine bessere Ressourcenplanung bei individueller Einschätzung des Bedarfs
  • Es müssen Anreize für Azubis geschaffen werden wie z.B. Bezahlung der Fahrerlaubnis
  • Ansprachewege für Bewerber auch über social media nutzen
  • Entlang der Berufsbiografie sollten andere Modelle für die Arbeit als Pflegender geschaffen werden. Häufigere Wechsel im Verlauf des berufslebens sollten einfacher gemacht werden.
  • Flexible Arbeitszeitkonzepte sollten mehr Verbreitung bei den Arbeitgebern finden.

Für die Optimierung der Kurzzeitpflege wurden ebenfalls Empfehlungen ausgesprochen:

  • Für die Kurzzeitpflege bräuchte es eine extra Stelle, die sich nur um die Koordination freier Ressourcen kümmert
  • Zusätzlich bräuchte es eine einfache Bedienung (vllt. eine App), die die Verfügbarkeiten auf einen Blick anzeigt
  • Es müsste möglich sein, ohne Versorgungsvertrag extra Betten aufstocken zu können
  • Es benötigt mehr Case Manager
  • Frühaufklärung zu den Pflegeoptionen allgemein durch reguläre Hausbesuche ab 50 Jahren

 

Professionalisiertes Personal

- Umstellung auf generalistische Ausbildung vorbereiten -

Die Diskussion im Workshop zum Thema „Professionalisiertes Personal“ drehte sich zunächst stark um die Umstellung auf die generalistische Pflegeausbildung  im Jahr 2020. Die finanziellen Rahmenbedingungen für die ausbildenden Einrichtungen seien bisher noch nicht klar umrissen. So seien die Umstellungen (z.B. Anpassung der Curricula usw.) mit erheblichem finanziellen Mehraufwand verbunden. Deswegen müsse es einen Notfallplan geben, falls die Einrichtungen die Hürden bei der Umsetzung der generalistischen Ausbildung nicht alleine bewältigen könnten. Hierzu wurde als gutes Beispiel das Bundesland Bayern genannt, wo ein Fördertopf dafür eingerichtet werde. Neben dem finanziellen Aspekt wurden aber auch inhaltliche Kritik am Konzept der generalistischen Ausbildung geäußert. Der Handlungsrahmen der Ausbildungseinrichtungen für die Vorbereitung der Lehrpläne und Kooperationen sei bisher noch nicht klar. Außerdem war für die Teilnehmenden nicht ersichtlich, wie die Zuständigkeiten in den Ministerien verteilt seien. Hier gelte es möglichst schnell Klarheit zu bekommen, damit die Akteure wüssten, an wen sie sich im Falle von Problemen und Fragen zu wenden hätten. Neben der Diskussion um die generalistische Ausbildung wurde in Bezug auf die Stadt Leipzig auf den besonders harten und dichten Arbeitsmarkt hingewiesen. Hier herrsche eine besonders hohe Konkurrenz zwischen den Einrichtungen bei der Anwerbung von Fachkräften. Allerdings führe dies auch zu guten Ansätzen der Mitarbeiterbindung seitens der Arbeitgeber: So z.B. das Angebot von Weiterbildungsprogrammen und Betriebsvereinbarungen zu Bildungszeiten oder die Finanzierung von Kinderbetreuung für Mitarbeitende und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung. Dies führe zu einer Aufwertung des Pflegeberufs, derer es benötige um die dringend gebrauchten neuen Fachkräfte anzuwerben und auszubilden. Dabei würden auch Kampagnen wie „1 Minute Care“ helfen, deren Ziel es ist das Selbstbild und die Außenwahrnehmung der Pflegebranche zu verbessern.

Im Laufe der Diskussion wurden folgende Handlungsempfehlungen ausgesprochen, um die Personalsituation in der Stadt Leipzig zu verbessern:

  • Kleine & mittlere Unternehmen entlasten bei den Aufwendungen für Mitarbeiterbindung, z.B. bei Fortbildungen
  • Flexibilisierung der Fachkraftquote
  • Zivildienst wieder einführen
  • Verpflichtende SozialPraktika in Schulen einführen
  • Spezielle Förderangebote für Schüler, die für Pflegeausbildung nicht reif sind („lernen lernen“)
  • Für Hauptschüler Zugang zu Pflegekariere ebnen/ausbauen
  • Hilfskräfte integrieren und parallel ausbilden, um Entlastung zu schaffen
  • Stellen beim Land aufstocken, um Anerkennung ausländischer (europäischer) Bildungsabschlüsse zu beschleunigen
  • Positive Kommunikation: Medienberichte über positive Gehaltsentwicklung, über Nachhaltigkeitsmanagement in Pflegeeinrichtungen; über Menschen, die Pflege als Berufung leben…

 

Öffentliche Infrastruktur

 - guten Leipziger ÖPNV noch besser machen - 

Hier waren sich Teilnehmenden zunächst einig, dass alternative Wohnangebote gestärkt und deren rechtliche Situation geklärt werden müssten. Positiv wurde bemerkt, dass es dazu schon einen entsprechenden Entwurf im geplanten Landespflegegesetz gebe. Ein Problem machte die Gruppe darin aus, dass momentan viele selbstorganisierten Wohnformen und die dazugehörigen Räumlichkeiten privat organisiert und in Privatbesitz seien. Im Falle von schlechter Betreuung gebe es dann kein Klagerecht – generell sei die Rechtslage ungeklärt. Hier käme dann beispielsweise die Frage auf, inwieweit eine ambulant betreute Gruppe von 6 Personen bereits wie ein Heim zu beurteilen sei und inwieweit dann die Standards der stationären Pflege eingehalten werden müssen? Kurz wurde im Workshop auch auf den sächsischen Weg der vernetzten Pflegeberatung eingegangen, der hier eher kritisch beurteilt wurde. Ähnlich wie im Workshop „Soziales Miteinander & Vernetzung“ wurde die Überlegung geäußert, ob stationäre Beratungsstellen im Sinne von Pflegestützpunkten nicht die bessere Lösung seien.

Anschließend widmete man sich dem Thema des ÖPNV, der in Leipzig im Vergleich zu den ländlichen Gebieten vergleichsweise gut aufgestellt sei. Allerdings gebe es auch hier Herausforderungen. So würden die öffentlichen Verkehrsmittel zu Stoßzeiten an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen und die Interessen von mobilitäteingeschränkten Personen seien in der neuen Mobilitätsstrategie der Stadt Leipzig nicht besonders stark repräsentiert. Außerdem sei der barrierefreie Ausbau des ÖPNV noch lange nicht abgeschlossen. Es bestehen Nachholbedarfe bei der barrierefreien Gestaltung von Haltestellen. Neue Haltestellen würden allerdings zumindest gleich barrierefrei gebaut. Nach Recherchen von Heimbewohnern habe in den Leipziger Straßenbahnen die Verfügbarkeit von ausklappbaren Rampen abgenommen. Im Fall der mobilitätseingeschränkten Veranstaltungsgäste des Pflegedialogs half der Straßenbahnfahrer beim Aussteigen. Es stellte sich allerdings die Frage was Betroffene tun sollen, wenn sie nicht in dem Wagen mitfahren, in dem mit dem Straßenbahnfahrer Kontakt aufgenommen werden kann? Positiv erwähnt wurden die Leitbilder der Stadt Leipzig zu den Themen „soziale Stadt“ und „Chancengleichheit“. Dort gebe es für alle handelnden Personen (z.B. Verwaltung) eine Orientierung und Richtschnur.

Zur Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur wurden im Laufe der Diskussion folgende Ideen und Handlungsempfehlungen formuliert:

An alle Verwaltungsebenen gerichtet:

  • Bürokratie abbauen:
  • Auf Ebene des Bundes des Landes, der Kommunen, der Kassen
    • Damit Abschreckung des Ehrenamts verringern
    • Die teilweise sehr starke Verzögerung der Prozesse verringern
  • Fördermittel (Bund, Land, Kommune) für häusliche Umbauten müssten im Sinn der Prävention und frühzeitigen Reaktion vor Erreichen des Pflegegrads bereitgestellt werden. Der barrierefreie Umbau muss durch die Person erfolgen, so lange sie es noch kann

An den Bund gerichtet:

  • Es gibt viel zu viele Ansprechpartner für die verschiedensten Themen, die Pflegebedürftige und alte Menschen betreffen. Das muss stärker aus einer Hand kommen.

An das Land gerichtet:

  • Stärkung und Klärung der rechtlichen Situation alternativer, selbstorganisierter Wohnangebote
  • Etablierung einer Pflegekammer als Berufsvertretung
  • Als Interessensvertretung, Ansprechpartner und Sprachrohr
    • Zur besseren Organisation der Ausbildung
  • Institutionalisierung der Woche der pflegenden Angehörigen à Wertschätzung, Wissenstransfer, Kommunikation, Unterstützung
  • Wohngeld für betreutes Wohnen bereitstellen (Gleichzeitig: Diskussion um die Finanzierbarkeit à es gibt Angemessenheitsgrenzen)
  • Landespflegegesetz schaffen
  • Wunsch danach kommt besonders aus den Kommunen
    • Im Gesetz Zuständigkeiten und Aufgaben festlegen: wer macht wie was?
    • Festlegen der Finanzierung und Ausgestaltung des Konnexitätprinzips
    • Kommunale Lösungen sind gefragt im Bereich öffentliche Infrastruktur, denn die Kommune ist nah dran an den lokalen Bedürfnissen der Menschen. Das Land muss sich jedoch bei der Finanzierung beteiligen.

An die Kommune gerichtet:

  • Konsequentes barrierefreies Bauen → Umsetzen der bestehenden Vorgaben.
  • Sozialer Wohnungsbau (gerade in Leipzig), Mehrgenerationenwohnen
  • Starke Sozialraumorientierung bei Angeboten der Daseinsvorsorge sicherstellen. Die Sozialräume von Älteren und Pflegebedürftigen seien klein, in denen sie sich sicher fühlen. Institutionen wie Post, Bank etc. reduzieren ihre Anlaufstellen und gerieten so zunehmend außerhalb der Erreichbarkeit.
  • Struktur für Beratungsangebote verbessern und lokal erreichbar vorhalten
  • Die Seniorenbüros bräuchten festangestellte Fachkräfte, nicht nur Ehrenamtsstrukturen (diese Personen benötigen häufig selbst Unterstützung/Ansprache). Die Seniorenbüros in Leipzig würden den Teilnehmenden zufolge gut laufen und würden durch Mund-zu-Mund Propaganda zunehmend bekannter.
    • Möglicherweise könnten die verschiedenen Unterstützungsangebote der diversen Anbieter stärker bei den Seniorenbüros angesiedelt werden.
  • Stärkere Etablierung von proaktiven „Geh-Strukturen“ im Sinne von präventiven Hausbesuchen, Beratungsgesprächen, aufsuchende Sozialarbeit, Einzelfallhilfe, z. B. von Seiten der Seniorenbüros und insbesondere als Kommunikation gegenüber den vielen „Einsamen“.
    • Könne nur ein Angebot sein. Dieses sei so zu gestalten, dass keine Abwehrreaktion erfolgt (im Sinne eines paternalistischen Kontrolleurs von Seiten des Amts). Die Wahrnehmung dürfe eben nicht Einmischung oder Übergriffigkeit sein.
    • Daher muss auch die institutionelle Anbindung durchdacht sein (das Jugendamt gelte genieße beispielsweise eher wenige Sympathien). Gleichzeitig würden ältere Personen von vielen dubiosen Ansprechpartnern kontaktiert, sodass eine Ansiedlung bei der Stadt sinnvoll erscheint.
  • Sichtbare kompetente Erstansprechpartner etablieren
  • Seniorenbüros / Seniorenbegegnungsstätten im Quartier, die gut auffindbar sind (nicht in Kellern und Hinterhöfen, sondern sichtbar z. B. in der Fußgängerzone neben dem Ärztehaus.
    • Die Krankenkasse sind die eigentliche Erstansprechpartner für das Thema Pflege, werden aber nicht immer als solche wahrgenommen.
    • Verwirrung: Teilweise findet sich in Büros unter dem Slogan „Pflegeberatung“ ein einzelner kommerzieller Anbieter von Pflegeangeboten.
  • Kommunikation und Ansprache
  • Proaktive Ansprache z. B. der 75-Jährigen zum Geburtstag, Glückwunschschreiben mit altersgerechten Hinweisen
    • Zielgerichtete Kopplung von Informationen (Ideen wie z. B. Kopplung der Entscheidung über eine Patientenverfügung beim Anlass der 10-jährigen Personalausweiserneuerung)  
    • Die lokale Tageszeitung wir nicht von allen gelesen, viele lesen kostenlose Zeitungen.

An die Krankenkassen gerichtet:

  • Die Budgets für wohnraumverbessernde Maßnahmen werden auf Seiten der Kassen nicht vollständig abgerufen. Gleichzeitig gibt es Beschwerden darüber, dass die Beantragung und Ausbezahlung von wohnraumverbessernden Maßnahmen sehr aufwändig ist. Hier müssen
  • Es wird ein frühzeitigerer Zugang der Krankenkassen zu (bald) pflegebedürftigen Personen benötigt. Die Krankenkassen schaffen dies laut eigener Aussage bisher nicht gut.
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