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Themen vor Ort

Pflege im Erzgebirgskreis - Auftakt zum landesweiten Dialogprozess

Den Anfang für die 13 Dialogveranstaltungen in den zehn sächsischen Landkreisen und drei kreisfreien Städten machte der Pflegedialog für den Erzgebirgskreis am 11. September im Rathaus der Kreisstadt Annaberg-Buchholz. 

Begrüßung durch die Sächsische Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz

Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte Staatsministerin Barbara Klepsch die 55 Teilnehmenden aus Politik, Verwaltung, Pflegepraxis, Krankenkassen und Vereinswesen: »Wir müssen bereits heute gemeinsam gute Ansätze diskutieren und regionale Lösungen finden, damit die Unterstützung und Pflege für die Bürgerinnen und Bürger auch in Zukunft in hoher Qualität geleistet werden kann.« Dazu sei der Austausch mit den entsprechenden Regionen essentiell, denn hier kenne man die spezifischen Herausforderungen und bestehenden Strukturen. »Ich bin den Akteuren vor Ort, aber auch den Angehörigen von hilfe- und pflegebedürftigen Menschen dankbar für ihren Einsatz am Nächsten«, erklärte Klepsch.

Anschließend führte die Pflegeexpertin Anja Bieber von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg weiter in das Thema ein. Sie präsentierte wissenschaftliche Daten und bestehende Projekte zu folgenden fünf relevanten Themenfeldern des Pflegewesens:

  1. Soziales Miteinander und Vernetzung
  2. Wohnen
  3. Gesundheitliche Infrastruktur
  4. Professionalisiertes Personal
  5. Öffentliche Infrastruktur

Zu diesen Handlungsfeldern fanden sich die Teilnehmenden anschließend in fünf Workshops zusammen, an denen auch Frau Klepsch teilnahm und mit den Anwesenden die lokalen Herausforderungen aber auch konkrete Ideen diskutierte.

 

Themenfeld Soziales Miteinander und Vernetzung

– Vertrauen durch räumliche Nähe –

Im Workshop »Soziales Miteinander und Vernetzung« kam das Anliegen nach wohnortsnahen Angeboten zur Sprache. »Es geht auch darum, dass sich die Akteure kennen«, meint Klaus Lanzendorf (Landratsamt Erzgebirge). Denn sich auszutauschen und zu begegnen, schafft Vertrauen. Das gilt auch für Betroffene. Senioren- und Behindertenbeauftragte Helga Dittrich gab zu Bedenken: »Es muss Konstanz bei den Alltagsbegleiterinnen und -begleitern geben, sonst kommt es zu Vertrauensverlusten.«

Im Rahmen der Diskussion wurden von den Teilnehmenden folgende konkrete Ideen geäußert:

  • mehr Kommunikation der Pflegeberatung, da die Angebote anscheinend noch nicht genügend bekannt sind in der Bevölkerung
  • Pflegebedarf frühzeitig identifizieren und lückenlos begleiten - dabei könnte die Ausweitung von Kooperrationsverträgen zwischen ambulanten und stationären Einrichtungen helfen
  • Das regionale Pflegenetzwerk »zum Leben erwecken«, z.B. durch mehr gemeinsame Workshops
  • Sicherstellung der ambulanten Pflege durch Nachbarschaftshelfer und Pflegedienste; Intensive Förderung des Ehrenamtes

 

Themenfeld  Wohnen

– Bedarfsgerechte Lösungen für alle Altersgruppen und gute Beratung –

Die Arbeitsgruppe war sich einig: Bedarfsgerechtes und gutes Wohnen sei mehr als Barrierefreiheit. Auch für junge pflegebedürftige Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen sowie Demenzkranke müsse es passende Angebote geben. Die Teilnehmenden diskutierten über bezahlbaren Wohnraum, wobei auch »Allround-Angebote« mit Zugang zu unterstützenden Dienstleistungen thematisiert wurden. Ein wichtiges Handlungsfeld war die qualifizierte Beratung zu altersgerechtem Wohnen. Hilfreich fänden die Akteure dabei Beratungsleitfäden und Weiterbildungsangebote sowie Austausch zu den vorhandenen unterschiedlichen Wohn-Angeboten in der Region.

Hier die konkreten Überlegungen aus der Arbeitsgruppe »Wohnen«:

  • Beratug und Aufklärung durch Musterwohnungen
  • Einrichtung einer Datenbank für barrierefreien Wohnraum
  • Erstellung eines Beratungsleitfadens zur besseren Aufklärung über unterschiedliche Wohnmöglichkeiten
  • Kommunikationsoffensive; Träger benachrichtigen sich gegenseitig über freie Plätze

 

Themenfeld Gesundheitliche Infrastruktur

– Kurzzeitpflege im Fokus –

In der Arbeitsgruppe zum Thema »Gesundheitliche Infrastruktur« wurde viel über die Qualifizierung von Fachkräften gesprochen. Im Fokus stand das Thema der Kurzzeitpflege und der sich daraus ergebenden Gestaltungsspielräume hinsichtlich des flexibleren Personaleinsatzes aber auch im Hinblick auf eventuell mögliche Pauschalsätze.

Folgende Maßnahmen wurden dazu von im Workshop entwickelt:

  • Vertreter der Praxis vermehrt in Gremien und Arbeitskreise einladen (und im Gesamtprozess über den weiteren Verlauf und Verbleib der eingebrachten Ideen informieren)
  • Erweiterung der Plätze in Einrichtungen bürokratisch vereinfachen
  • Einheitlichen Satz für Kurzzeitpflege diskutieren
  • Demenzfortbildungen in Curricula der Krankenpflege aufnehmen
  • Qualifizierung von Alten- und Krankenpflege zusammenbringen
  • Hausärzte verstärkt in die Pflegeetzwerke mit einbinden - hier könne Beratung viel früher gelingen

 

Themenfeld Professionalisiertes Personal

– Gesellschaftliche Anerkennung der Pflege und Fachkräfte halten –

Heiß her ging es im Workshop »Professionalisiertes Personal«. Diskutiert wurde unter anderem über die generalisierte Ausbildung ab 2020 und über den Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Stark war vor allem der Wunsch nach mehr Anerkennung des Pflegeberufs.

Außerdem wurde zu folgenden Punkten diskutiert:

  • Finanzierbarkeit der Arbeitskräfte (Diskussion rund um einheitliche Löhne und das Anheben von Löhnen)
  • Finanzierung von Azubis (Finanzierungsmodelle rund um Kranken- und Altenpflege)
  • Arbeitsverdichtung/-belastung (Diskussion rund um einheitliche Verhandlungen, das Mischen von Tätigkeitsbereichen und somit auch das Mischen von Fachkräften, Nutzung von Springern und Möglichkeiten der pflegekompatiblen Kinderbetreuung erörtern)
  • Verfügbarkeit (Diskussion rund um eine flexible Fachkraftquote, Assistenzberufe und Quereinsteiger stärker in den Blick nehmen, Schnuppererfahrungen auch finanziell attraktiver machen, im Sprachgebrauch von der Hilfskraft zur Pflegekraft gelangen)
  • Struktur- und Finanzierungsprobleme in der Altenpflege (eventuell Ausweitung medizinischer Tätigkeiten nötig)
  • Attraktivität der Pflegeberufe (kritische Auseinandersetzung mit der generalisierten Ausbildung, flächendeckenden Tarifvertrag diskutieren)

 

Themenfeld Öffentliche Infrastruktur

– Lokale Angebote schaffen –

Hier ging es vor allem um die Frage, welche Angebote benötigt werden und wie die Hilfsbedürftigen tatsächlich erreicht werden. Dafür sei es wichtig, Angebote in jedem Stadtteil schaffen. »Wir müssen den Begriff der Solidargemeinschaft wieder mit Leben füllen«, so Andrea Kaden vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Ohne das Ehrenamt, wie zum Beispiel in der Nachbarschaftshilfe, gehe es nicht. Weiter merkte Kreisrat Frank Dahms an: »Ich wünsche mir die Seniorenclubs zurück«.

Folgende Ideen wurden im Laufe des Workshops von den Teilnehmenden geäußert:

  • Konzept der Mehrgenerationenhäuser verstärken und Bedarf an Jugendclubs mit MGH-Idee verbinden
  • Niedrigschwellige Angebote (Best-Practice-Modelle teilen)
  • Quartiersorientierung als Erfolgsfaktor
  • Aktionstage als Türöffner
  • Bürgerbüros einbinden (die Struktur ist vorhanden)
  • Mobile Versorgungsangebote verstärken (z.B. fahrender Supermarkt)

 

Zum Abschluss des Pflegedialogs kamen alle Gruppen erneut zusammen und präsentierten die wichtigsten Erkenntnisse und erste Ansätze aus ihren Workshops. Mit der Auftaktveranstaltung im Erzgebirgskreis wird ein landesweiter Prozess der Vernetzung und des Austauschs angestoßen, um die Pflegesituation in den Landkreisen und im Freistaat nachhaltig zu verbessern. Die gewonnenen Erkenntnisse bilden zunächst die Basis für landkreisspezifische Konzepte und Innovationen, mit denen der Freistaat Sachsen künftig weiterarbeiten will.

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